50 Jahre SIXDAYS BREMEN

Ein Schinken und 25 Flaschen Schnaps

  • Folge 1: Das 1. Rennen: 7. bis 13. Januar 1965

    02/12/2013

    Details

    Die Stunde Null des Bremer Sechstagerennens wurde zu einem selbst von Daueroptimisten kaum erwarteten Triumph. „Erwartungen übertroffen“ titelte eine Zeitung am Tag nach dem Start und auch der damalige Direktor der Stadthalle, Hans Claussen, orakelte: „Damit ist das 2. Bremer Sechstagerennen 1966 gesichert“. Dass es einmal sogar die 50. Auflage geben würde, hätte auch er nicht vorhersagen wollen. Immerhin: 70.100 Zuschauer wurden in den 145 Stunden, der damals traditionellen Veranstaltungszeit von Donnerstag- bis Mittwochabend, gezählt. Eine beachtliche Zahl, denn 1965 hatte das Stadthallenareal bei weitem nicht die Ausdehnung wie heute.
    Der Startschuss wurde am Donnerstagabend von Senator Richard Boljahn abgegeben, der wesentlichen Anteil am Bau und an der Realisation der Halle hatte. Um überhaupt veranstalten zu können, hatte sich Bremen der Dienste von Otto Weckerling als Sportlichem Leiter versichert. Weckerling, der damals auch in Frankfurt und Dortmund Veranstalter war, wurde von seinem Assistenten Willi Röper unterstützt, der erst einige Jahre später die alleinige Verantwortung in Bremen übernahm.
    Sportlich wurde das Rennen, wie viele andere später, erst mit der letzten Jagd vor rund 7.000 begeisterten Zuschauern entschieden. Anders als heute ging der Wettbewerb erst am Mittwoch um 23 Uhr zu Ende. Aber nicht die favorisierten Rudi Altig und Rolf Roggendorf triumphierten, sondern der schon 40-jährige Holländer Rick van Steenbergen und sein dänischer Partner Palle Lykke – im übrigen sein Schwiegersohn!
    Schon damals war ein Bremer Lokalmatador mit dabei: Bernd Rohr von der Bremer Radrenn-Gemeinschaft. „Fips“, wie man den langen Blonden rief, wurde mit Willy Altig zwar nicht Gesamtsieger, sahnte aber besonders bei den Prämienrennen ganz groß ab. Seine Ausbeute: Ein Schinken und 25 Flaschen Schnaps. Und damit er das alles auch problemlos nach Hause karren konnte, holte er sich auch noch die wertvollste Prämie der Veranstaltung: Einen Personenwagen. Na dann Prost. (Klaus-Peter Berg)

     

    Die Sieger des 1. Bremer Sechstagerennens:
    Palle Lykke / Rick van Steenbergen (Dänemark / Niederlande)

Altigs Menü: Müsli, Rotwein und frische Austern

  • Folge 2: Das 2. Rennen: 6. bis 12. Januar 1966

    02/12/2013

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    Von Donnerstag bis Mittwoch: So rollten in den ersten Jahren die Bremer Sixdays. Seit einigen Jahren ist bekanntlich schon am Dienstagabend Feierabend für die Radprofis, deren Arbeit am Donnerstag zuvor um 21 Uhr beginnt. Eigentlich war auch beim 2. Rennen der Startschuss für 23 Uhr geplant. Aber Rudi Carell, der erste prominente Startschütze, durfte schon eine Stunde früher ran. Grund dafür waren die lautstarken Forderungen der Zuschauermassen: Legt doch endlich los. Immerhin 4.500 Besucher waren zur Eröffnung gekommen, was gegenüber dem Vorjahr eine deutliche Steigerung darstellte. Und sie jubelten gleich dem ersten Prämiensieger zu: Dem Bremer Bernd Rohr. Ob es wieder Schinken oder Schnaps waren, lässt sich bis heute nicht ergründen. Besonders umjubelt wurde Weltmeister Rudi Altig, der zum Publikumsliebling avancierte. Er verriet sein Lieblingsmenü während der anstrengenden Tage, zubereitet von Chefkoch Hans-Georg Damker: Müsli, Rotwein und frische Austern. Das war nicht Jedermanns Sache. Leicht verdaulich, aber kalorienreich – so wünschten es sich die Fahrer. Während der Radsportveranstaltung vertilgten sie sieben Zentner Obst, 200 Liter Milch, ein halbes Zentner Edelfische, 300 Eier, acht Zentner Brot sowie etliche Kalbskeulen und Rinderfilets. Dazu gab es Unmengen Reis, aber kaum Kartoffeln.
    Draußen ging es rustikaler zu: Zu belegten Brötchen, Würstchen und Brezeln wurden bevorzugt Bier und Korn, vielleicht auch mal ein Sekt serviert. „Wir sind begeistert“, zog am Ende des 2. Sechstagerennens Stadthallenchef Hans Claussen Bilanz. Vorsorglich sicherte er sich den Termin Anfang Januar als Dauer-Austragungszeit. 73.800 Besucher wurden insgesamt gezählt, davon 43.700 in den heißen Nächten und 26.400 zu den Kindernachmittagen, die an sechs Tagen stattfanden. Für 1.000 D-Mark gab es Bonbons satt für den Nachwuchs. Für die Fahrer war das eine zusätzliche Belastung, denn Schlaf gab es kaum, zumal sie bis ca. 5 Uhr morgens auf der Bahn sein mussten. Und auch während des Showprogramms musste stets mindestens einer präsent sein. Nicht weiter tragisch, denn auf den unbequemen Betten in der Halle – sie durfte nicht verlassen werden – war an Erholung eh kaum zu denken. (kpb)

     

    Die Sieger des 2. Bremer Sechstagerennens:
    Rudi Altig / Dieter Kemper (Deutschland)

Rekorde, Rekorde, Rekorde

  • Folge 3: Das 3. Rennen: 5. bis 11. Januar 1967

    02/12/2013

    Details

    Als das „Salz in der Suppe“ bezeichnete der Chronist die Rekordflut bei der 3. Auflage der Bremer Sixdays. Mit 75.900 Zuschauern kamen erneut mehr als im Vorjahr. „Wenn Rudi Altig bis zum Schluss dabei gewesen wäre, hätten wir 80.000 erreicht“, war Direktor Hans Claussen überzeugt. Altig war schon am zweiten Tag wegen Beinbeschwerden ausgestiegen und wurde noch am Montag operiert. Immerhin: Rund 5.000 Plakate warben in ganz Norddeutschland für den Rundenwirbel, der sich langsam zu einem Volksfest entwickelte. Etwa 800 Fässer Bier – 40.000 Liter – 100 Hektoliter Alkoholfreies, 36.000 Gläser Schnaps und 450 Flaschen Sekt spülten die angebotenen Leckereien herunter: 4.500 Frikadellen, 6.000 Schaschlik, 12.000 belegte Brötchen und 16.000 Würstchen.
    Rekorde gab es auch bei Prämien und Gagen: 67.000 D-Mark waren – meist in Form von Sachpreisen – gestiftet worden. Soviel wie auf keiner anderen Winterbahn in Europa. Dazu gab es 120.000 D-Mark an Gagen. Es gab aber auch einen Negativ-Rekord: Weil häufig Glassplitter von zerbrochenen Biergläsern auf die Bahn fielen, mussten mehr als 200 defekte Reifen ersetzt werden. Natürlich wurde diskutiert, ob nicht die Gläser durch Plastik ersetzt werden sollten, doch Bier aus Plastik? Nein!
    Mit seinem 35. Sechstagesieg an der Seite des Schweizers Fritz Pfenninger rückte Peter Post aus den Niederlanden auf Rang zwei der ewigen Rangliste vor. Und es ging ein neuer Stern am Sechstagehimmel auf: Der Belgier Patrick Sercu – er wird später als Fahrer und als Sportlicher Leiter in Bremen noch für Furore sorgen – wurde bei seinem Bremer Debüt auf Anhieb mit Klaus Bugdahl Dritter. Vielleicht hätte es zu mehr gereicht, aber Olympiasieger Sercu hatte nach seinem Start in Köln am Abend den Zug nach Bremen verpasst und trudelte erst gegen Mitternacht in der Halle ein. So verpasste er auch den Startschuss, den kein geringerer als Ex-Box-Weltmeister Max Schmeling abgegeben hatte. (kpb)

     

    Die Sieger des 3. Rennens:
    Fritz Pfenninger/Peter Post (Schweiz/Niederlande)

Stress am Nachmittag

  • Folge 4: Das 4. Rennen: 4. bis 10. Januar 1968

    02/12/2013

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    Nur sieben Stunden vor dem Start zum vierten Rennen herrschte helle Aufregung bei der Sportlichen Leitung. Klaus Bugdahl, als Partner von Patric Sercu vorgesehen, hatte abgesagt. Grippe! Woher so kurzfristig einen neuen Fahrer nehmen? „Frag doch mal in Belgien nach“, empfahl Sercu. Otto Weckerling kramte in seiner Telefonkartei und nach einigen Telefonaten hatte er einen Fahrer, der auch bereit war, so kurzfristig einzuspringen: Norbert Seeuws. Der packte seine Sachen, stieg in Brüssel in ein Flugzeug und kam kurz vor Mitternacht an – Aufatmen bei allen Beteiligten. Die Zuschauer in der Halle hatten das kaum mitbekommen und sahen ein unglaubliches Tempo auf der Bahn. 2410,33 Kilometer  hatten die Fahrer bis zum Ende zurückgelegt. Besonders spannend ging es in der Schlussjagd zu, wo Rudi Altig und Siggi Renz, kurz zuvor schon Sieger in Köln, den Schwung mitnehmen konnten und vor den punktgleichen Eugen/Lykke und Kemper/Oldenburg gewannen. Die beiden stellten einen weiteren Rekord auf: In einer Stunde fuhren sie 56,8 Kilometer, das sind 341 Runden auf der 166,66 Meter langen Bahn. Die Halle tobte.
    Gar nicht so lustig endete das Sechstagerennen für zwölf Ochsen. Die drehten sich knusprig gebraten am Spieß und mussten erstmals für die hungrigen Gäste ihr Leben lassen. Die Gastronomen beklagten den Verlust von 3.000 Plastik-Biergläsern. Sie zersprangen auf dem Steinboden oder landeten in den Vitrinen einiger Souvenierjäger. Noch ein interessantes Detail von damals: 75.000 Liter Öl wurden für die Beheizung der Halle verbrannt, die etwa 15.000 D-Mark kosteten. Literpreis also 20 Pfennig (rund 10 Euro-Cent). Oh gute alte Zeit… (kpb)

     

    Die Sieger des 4. Rennens:
    Rudi Altig/Siggi Renz (Deutschland)

Es ging auch ohne Star: Altig gab Bremen Korb

  • Folge 5: Das 5. Rennen: 9. bis 15. Januar 1969

    02/12/2013

    Details

    Es geht offenbar auch ohne Rudi Altig! Zwar gab es zunächst lange Gesichter, als der Publikumsmagnet den Bremern recht kurzfristig einen Korb gab und es vorzog, mit seiner Frau Christa in den Ski-Urlaub in Zürs am Vorarlberg zu fahren. Doch als am Ende Bilanz gezogen wurde, wurde eine neue Besuchermarke gesetzt. Und das, obwohl auch der SV Werder an dem Wochenende in die Rückrunde der Fußball-Bundesliga startete – allerdings mit einer 0:1-Niederlage in Hannover.
    Für Weltmeister Altig, der pro Abend die Rekordgage von 3.000 D-Mark hätte einstreichen können, hatte das Verhalten Folgen. Denn im Jahr darauf verzichtete der Sportliche Leiter Otto Weckerling auf ihn, obwohl er gerne wollte. Erst zwei Jahre später durfte er wieder mitfahren – es war dann sein letzter Start in Bremen.
    In der Stadthalle ging in diesem Jahr der Stern von Patric Sercu auf. Bei seinem dritten Start in der Hansestadt – angeschossen von Schieß-Olympiasieger Bernd Klingner – gewann der Zeitfahr-Olympiasieger von Tokyo ’64 an der Seite des Holländers Peter Post in einem begeisternden Finale. Das hatte 120 Sekunden vor dem Ende noch eine Schrecksekunde zu überstehen. Sercu und Horst Oldenburg kollidierten, Oldenburg stürzte schwer und sein Partner Kemper musste allein Platz zwei vor Lykke/Eugen verteidigen. Mit 9,0 Sekunden holte sich der Zeitfahr-Weltmeister Sercu den Rundenrekord und auch den letzten Spurt um die Auto-Prämie sicherte er sich – und drehte am Schluss eine Ehrenrunde mit dem gewonnenen Gefährt.
    82.550 D-Mark an Prämien wurden ausgeschüttet – mehr als bei jedem anderen deutschen Sechstagerennen. Am Rande sei bemerkt, dass diesmal 15 Ochsen – Lebendgewicht 12 bis 14 Zentner –  vertilgt wurden. Hanseatisch wenig überraschend gingen die erstmals angebotenen Fischbrötchen reißend weg: 8.000 Stück verschwanden in hungrigen Mägen. (kpb)

     

    Die Sieger des 5. Rennens:
    Peter Post/Patrick Sercu (Holland/Belgien)

Otto Weckerling: Wette verloren

  • Folge 6: Das 6. Rennen: 8. bis 14. Januar 1970

    03/12/2013

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    Dass sich auch Sportliche Leiter irren können und Sechstage-Sieger nicht zuvor ausgekungelt werden, zeigte eine Wette von Otto Weckerling. Der hatte auf einen Sieg von Klaus Bugdahl/Dieter Kemper eine Flasche Sekt gesetzt. Allerdings konnte er später eine Ausrede anbringen, denn Dieter Kemper musste nach Sitzproblemen sein Rad vorzeitig abstellen. Immerhin kam Bugdahl mit seinem neuen Partner, Vizeweltmeister Julien Stevens, noch auf Platz drei. Wie schon im Vorjahr prägten Patrick Sercu und Peter Post das Geschehen. Erneut kamen sie als Sieger von Köln an die Weser und wieder lagen sie am Ende hauchdünn vorn. Allerdings trennten sie nur vier Punkte von Wolfgang Schulze und Siggi Renz. Und diese wichtigen Zähler gewann Patrick Sercu im allerletzten Sprint des Abends. Die Zuschauer waren völlig aus dem Häuschen.
    Beim Startschuss, abgegeben von Diskus-Weltrekordlerin Liesel Westermann, gab es doch einige Lücken auf den Rängen. Kein Wunder, der Winter hatte das Land fest im Griff. Auch in der Fußball-Bundesliga – erst viel später wurde die Winterpause eingeführt – fielen sämtliche Partien aus! Dennoch reichte es für eine neue Zuschauerbestmarke – das Sechstagerennen hatte sich endgültig als Volksfest etabliert. Nicht wenige sprachen schon von der sechsten Jahreszeit nach den vier bekannten und dem Bremer Freimarkt.
    Sein zweites Auto gewann kurz vor dem Finale noch Sercu an der Seite von Peter Post. Es war ausgelobt worden, wenn die beiden den Weltrekord im 1.000-Meter-Zeitfahren knacken würden. Der Lärm in der restlos ausverkauften Halle war infernalisch, als der schon fünffache Sieger der laufenden Saison über den Zielstrich flog: Bei 1:00,9 Minuten blieb die Uhr stehen. Neuer Weltrekord auf einer 166,66 Meter langen Bahn. Dagegen sahen die neuen Verbrauchsbestmarken bei Bier (60.000 Liter) und Ochsen (18) eher bescheiden aus. (kpb)

     

    Die Sieger des 6. Rennens:
    Peter Post/Patrick Sercu (Holland/Belgien)

Albert Fritz: Ein „Bremer“ gewinnt

  • Folge 7: Das 7. Rennen: 7. bis 13. Januar 1971

    03/12/2013

    Details

    Nach einem Jahr der Zwangspause durfte auch Rudi Altig in Bremen wieder aufs Rad steigen. Kein Wunder, hatte er doch mit dem Wahl-Bremer Albert Fritz, der eigentlich in Jerstetten gemeldet war, aber in der Schweiz lebte, gerade das Rennen in Köln gewonnen. Dort war Rolf Wolfshohl schwer gestürzt und erlitt dabei einen Schädelbruch. An Altig ging also kein Weg vorbei. Tagesschausprecher Karl-Heinz Köpcke setzte das Sechstagekarussell in Gang. Unter den Besuchern waren auch Bürgermeister Hans Koschnick mit seinen Senatoren Seifritz, Borttscheller und Graf. Die Sixdays hatten sich also auch politisch etabliert. Gesprächsthema am Wochenende – auch in den vollbesetzten Logen – war das Gerücht um das angebliche Interesse des SV Werder an Nationalspieler Günter Netzer – das aber umgehend dementiert wurde.
    Am Schlusstag wurde es richtig turbulent, denn es wurde ein Finale der Superlative geboten: Drei Teams – Post/Sercu, Bugdahl/van Lancker und Renz/Schulze – lagen vor dem Endlauf rundengleich vorn. Eine Runde dahinter und mit schlechtem Punktekonto Altig und Fritz. „Wir schaffen das noch“ war sich Altig sicher, die dafür notwendige Dublette fahren zu können. Er habe sich an den Tagen zuvor etwas zurückgehalten, um Kraft für den Endkampf aufzuheben, bemerkte er noch. Und so entwickelte sich ein bemerkenswertes Rennen, in dem sich die drei Favoritenpaare gegenseitig belauerten, aber dennoch mehrfach die Führung wechselte. Im Rundenwirbel der Großen gingen die Kleinen hoffnungslos unter. Selbst ein alter Haudegen wie Hennes Junkermann hatte am Ende mit seinem Partner Rasing 54 Runden (!) Rückstand. Wenige Minuten vor dem Ende überraschten Altig/Fritz mit der angekündigten Doppelrunde alle Gegner, übernahmen die alleinige Führung und wehrten alle weiteren Angriffsversuche ab. Ein gewaltiger Antritt von Patrick Sercu eine Minute vor Schluss kam zu spät und reichte nicht, um Altig/Fritz noch abzufangen. Danach hatte Fritz noch so viel „Puste“, um den tobenden Fans ein Trompetenständchen zu blasen.
    Sein Debüt gab ein damals 16-jähriger Nachwuchsfahrer: Der „echte Bremer“ Hans Peter Jakst. Es verlief nicht sonderlich erfolgreich für den Fahrer aus dem Olympiakader. Im Ausscheidungsfahren war für ihn in Runde drei Schluss. Trotzdem lobte ihn Bundestrainer Gustav Kilian als „großes Talent, das seinen Weg noch machen wird“. Er sollte Recht behalten. (kpb)

     

    Sieger des 7. Rennens:
    Rudi Altig / Albert Fritz (Köln/Bremen)

Wolfshohl: Querfeldein statt Sechstage-Gage

  • Folge 8: Das 8. Rennen: 6. bis 12. Januar 1972

    03/12/2013

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    Als Ohnsorg-Legende Henry Vahl das Rennen anschoss, fehlte einer der prominentesten deutschen Fahrer: Rolf Wolfshohl. Er genoss den Ruf, nach Rudi Altig der erfolgreichste deutsche Radrennfahrer zu sein und verzichtete auf Bremen und lockende fette Gagen. „Ich bin nicht ganz fit und will meinen Ruf nicht aufs Spiel setzen“, begründete er seine Absage. Doch Kenner der Szene wussten, dass es zuvor für ihn in Köln nicht gut lief. Hinzu kam, dass  Bremen für ihn so schwierig zu fahren gewesen wäre, da er als Straßen- und vor allem Querfeldein-Spezialist hier keinen Blumentopf hätte gewinnen können. So drehte sich im Vorfeld alles nur um die Frage, wer am Ende vorn liegen würde: Klaus Bugdahl, Peter Post, Patric Sercu, Rene Pijnen oder Albert Fritz. Wolfgang Schulze und Siggi Renz, die Stunden zuvor noch in Köln sensationell gewonnen hatten, hatte dennoch kaum jemand auf dem Zettel.
    Aber vor allem Renz strotzte vor Selbstvertrauen, nachdem sie in den beiden Jahren zuvor immer vorn mit dabei waren: „Ich glaube, Wolfgang und ich wären doch mal dran in Bremen“. Und er sollte Recht behalten. Die Zuschauer waren in der letzten Nacht außer Rand und Band, als die beiden zwölf Minuten vor Ultimo einen Ausreißversuch wagten und fünf lange Minuten kämpfen mussten, um den Rundenrückstand endlich aufzuholen. Ihr Punktekonto reichte schließlich zum Gesamtsieg.
    Mit den gestiegenen Zuschauerzahlen stieg auch der Durst an: 650 Hektoliter flossen in die erstmals benutzten Plastik-Bierkrüge. Allerdings gingen rund 13.000 zu Bruch oder waren verschwunden. Ebenso begehrt war auch Sekt: 1.200 Flaschen wurden bestellt; auch 2.500 Sektgläser verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Neben boomenden Umsätzen bei Brezeln, Brötchen mit Fisch, Wurst oder Schinken drehten sich schon 31 Ochsen am Spieß, deren Geruch durch alle Hallen waberte. (kpb)

     

    Sieger des 8. Rennens:
    Siggi Renz / Dieter Kemper (Deutschland)

Die böse „Elf“: Pannen über Pannen

  • Folge 9: Das 9. Rennen: 4. bis 10. Januar 1973

    03/12/2013

    Details

    Es wollte anfangs nicht so recht rund laufen, dieses 9. Sechstagerennen. Der Eröffnungstag war von Pannen gekennzeichnet. Zunächst begann das Rennen – anders als durch einen Druckfehler im Programmheft angegeben – eine Stunde früher. Vielleicht war die Startpistole deswegen nicht bereit, als 800-Meter-Olympiasiegerin Hildegard Falck sie betätigen wollte. Es dauerte drei Runden, bis sie Rennleiter Otto Weckerling zum Schuss erweckte.
    Dann knallte es erneut. Diesmal waren es ganze elf Reifen, die innerhalb von elf Minuten in der ersten Jagd platzten. Das Rennen wurde unterbrochen und die Bahn noch einmal gründlich gereinigt – was wiederum elf Minuten dauerte ehe die elf Paare weiterfahren konnten. Doch kaum ging es weiter, war schon wieder Schluss. Um nicht in Zeitverzug zu kommen, mussten nach weiteren elf Minuten die ersten Prämienspurts beginnen. Unvermittelt fand sich die deutsch-australische Favoriten-Kombination Dieter Kemper und Graeme Gilmore als Letzte im Elferfeld wieder. Das aber blieb nur eine Momentaufnahme, denn am Schlusstag rollte das Paar als Sieger über den Zielstrich. Und das nach einem erneut begeisterndem Finale, bei dem sich die Besucher im Innenraum knubbelten und die Ränge vollbesetzt waren.
    Voll wurden auch die Mülltüten: 18.000 Plastikteller – mal mit Senf, mal ohne – nebst Bestecken landeten auf dem Müllberg, der stattliche 250 Kubikmeter umfasste. Der Bierkonsum schnellte auf 150.000 Gläser und 12.500 Dosen an, zudem gab es 50.000 Gläser Hochprozentiges. Wie viele Führerscheine das bei den nächtlichen Kontrollen der Polizei kostete, verschweigt der Chronist, vermerkt aber noch, dass in einer der Jagden ein Stundenmittel von 55,77 km/h gefahren wurde und dass der Australier Gilmore den Rundenrekord von Patrik Sercu auf 8,8 Sekunden verbesserte. Das waren 67,1 km/h – schneller als die Polizei erlaubt. (kpb)

     

    Sieger des 9. Rennens:
    Graeme Gilmore/Dieter Kemper (Australien/Dortmund)

Der Tag, an dem Fäuste flogen

  • Folge 10: Das 10. Rennen: 10. bis 16. Januar 1974

    03/12/2013

    Details

    Mit einigen Neuerungen wartete das erste „Jubiläums-Sechstagerennen“ auf. Erstmals war Willi Röper als Sportlicher Leiter neben Otto Weckerling verantwortlich. Daneben mussten die Fahrer eine neue Gagenordnung schlucken. Geld nur gegen Leistung, „Wer bummelt, muss mit Abzügen rechnen“ – so lautete die Maxime.
    Kein Wunder, dass es auf der Bahn manchmal beim Prämiensprints recht ruppig zuging. Vor allem der Berliner Wolfgang Schulze und der Dortmunder Dieter Kemper gerieten ausgerechnet bei einem Kindernachmittag einige Male aneinander. „Wir rechnen oben ab“, soll Schulze seinem Kontrahenten Kemper gedroht haben. Wie er sich die Abrechnung vorstellte, zeigte sich wenig später: Als beide vor den Umkleidekabinen standen, streckte Schulze Kemper mit einem gezielten Faustschlag nieder. Vielleicht hatte ihn Boxlegende Max Schmeling, der das 10. Rennen angeschossen hatte, inspiriert. Kemper fiel zu allem Unglück nicht nur zu Boden, sondern mit dem Kopf rücklings gegen eine Heizung. Für ihn endeten die Sixdays mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Bahnsprecher Klaus Funke verkündete: „Schulze wird wegen unsportlichen Verhaltens disqualifiziert.“ Der Skandal war perfekt. Für den Berliner, der zwar ein hervorragender Fahrer, aber auch als Hitzkopf bekannt war, war das eine folgenschwere Auseinandersetzung.
    Weil Kemper verletzt auch für das nächste Rennen in Rotterdam ausfiel, sperrte der niederländische Verband den Berliner Schulze für sämtliche weiteren Bahnrennen in Holland. Eine Schadensersatzklage von Kemper kam noch hinzu.
    Das auf neun Paare geschrumpfte Feld – Klaus Bugdahl und Siggi Renz waren zuvor krank ausgestiegen – bot in der Schlussnacht noch großen Sport. Erstmals gab es einen niederländischen Sieg: Rene Pijnen und Leo Duyndam setzten 20 Minuten vor dem Ende zum entscheidenden Rundengewinn an, der ihnen schließlich zum Sieg reichte. (kpb)

     

    Sieger des 10. Rennens:
    René Pijnen/Leo Duyndam (Niederlande)